Ziel der Digitalisierung muss heute sein, nicht mehr analoge Prozesse mit IT zu unterstützen, sondern Daten strategisch für bessere Prozesse, höhere Versorgungsqualität und tragfähige Innovation nutzbar zu machen. Den Weg von isolierten Datensilos hin zu einer agilen, herstellerunabhängigen Infrastruktur zeigte der CDR-Kongress in Berlin auf. Ausgerichtet wurde er von ID, Firemetrics und DMI.
Was kostet uns die Datenfragmentierung? „Wir ertrinken in Daten – und dürsten nach Wissen“, zitierte Julia van Holt von Firemetrics. Dies mache der ärztliche Ressourceneinsatz deutlich: 49 Prozent der Arbeitszeit seien durch Dokumentation und Bürokratie gebunden; nur 27 Prozent durch den Kontakt mit Patientinnen und Patienten. Wie lässt sich die Generierung von Informationen angesichts fehlender Digitalisierung optimieren, wie kann der Fokus auf das Kerngeschäft – die Patientenversorgung – gelenkt werden? Und: Von diesen Daten würden bislang lediglich drei Prozent für KI genutzt, erklärte van Holt.
Drei Stunden Arbeitszeit kämen täglich pro Kraft für Dokumentation und Bürokratie zum Einsatz, kommentierte Annett Müller von DMI. Die beeindruckende Zahl von 123.000 Vollzeitkräften würde in Deutschland frei für Kernaufgaben, wenn sich die Bürokratie um eine Stunde pro Tag reduzieren ließe. Mehr als 16 Systeme in Krankenhäusern speisen Daten in Silos, unterstrich André Sander von ID; eine Zusammenführung öffne die Tore für Effizienz, Qualität und Fortschritt.
Die Macher des CDR-Kongresses (v. l.): André Sander von ID, Julia van Holt von Firemetrics und Annett Müller von DMI
Fehlende Datenverfügbarkeit führt laut Müller in Deutschland zu rund 42 Milliarden Euro an Verlusten, etwa durch redundante Untersuchungen. Die wahren Kosten fragmentierter Daten zeigten sich am Patientenbett, betonte Holt – und forderte das Ende von Never-Events. Erreichen ließen sich solche wichtigen Ziele durch Clinical Data Repositories (CDRs) als zentrale Orte für die Haltung interoperabler Daten. CDRs bildeten das Herzstück für Anwendungen wie Dashboards sowie für das Trainieren und Nutzen von KI.
Dieser Ansatz beginne, sich durchzusetzen, so die Beobachtung von Sander. Jedes Krankenhaus wolle heute …
Terminologiemanagement stelle eine essenzielle Anforderung für den Nutzen der Daten dar. Dies gelte für die klinische Versorgung ebenso wie für die Abrechnung.
Zahlreiche Quellsysteme, dezentrale Datenhaltung mit vielen Nachteilen – so sah vor Jahren die Situation an der Universitätsmedizin Essen aus, erinnerte sich Sara Erma Kaya. Die Ärzteschaft forderte eine gangbare Lösung. Das Uniklinikum baute ein FHIR®-Repository auf, für die Nutzung in Klinik und Administration sowie für Leistungspartner und die Forschung. Von Firemetrics kommt nun mit FLAME ein lokaler Agent für das CDR zum Einsatz; Basis ist natürliche Sprache. Der Agent liefert beispielsweise Begründungen für Informationen aus dem CDR.
Hauseigene Entwicklungen habe man in Essen auf Grundlage dieser Dateninfrastruktur für das Command Center realisiert. Echtzeit-Dashboards ganz nach eigenen Bedürfnissen verbessern nun Prozesse – etwa im Kontext des Managements von Blutkonserven und bei Notfällen sowie unbekannten Patient*innen – mit Zusammenführung der Daten aus allen relevanten Systemen in der „Single Source of Truth“, dem CDR. „So können wir die Macht zurückgeben an Krankenhäuser, mit der Möglichkeit, auch eigene Dashboards zu generieren“, unterstrich Kaya. Einen ähnlichen Weg zur Souveränität zeigte das Universitätsklinikum Jena auf.
Sara Erma Kaya, Universitätsmedizin Essen: Erfolgs-Story eines CDRs in Form eines FHIR-Repositorys – mit Nutzung in Klinik und Administration sowie für Leistungspartner und die Forschung.
„Unstrukturierte Daten sind kein Schicksal“, erklärte Müller. Eine Anreicherung durch Metadaten und die Strukturierung seien automatisiert machbar. Das Speisen von CDRs sei auch mit papierbasierten/digitalisierten und durch Metadaten ergänzten Dokumenten sowie durch strukturierte Daten auf Basis von unstrukturierten Freitexten möglich.KI-Tools ermöglichten stetige Nachvollziehbarkeit durch Referenzierung.
KIS-Wechsel ohne Datenverlust: 30 Prozent der Krankenhäuser müssen in den kommenden Jahren ihr KIS erneuern, betonte Lucas Franzin von DMI. Ein CDR erleichtert die Altdatenmigration und die Altdatensicherung – und reduziert die Risiken eines Vendor-Lock-ins mit dem neuen KIS.
„Das CDR bildet das Herzstück für die Datenhaltung“, stellte Müller fest. „Ergänzt werden sollte es durch ein ‚Qualified Trust Repository‘ zur Gewährleistung der Aufbewahrungsfristen, für den Beweiskrafterhalt und die Vertrauenswürdigkeit der Dokumente und Daten.“ Die Herausforderung liege derzeit noch in der Migration der Daten aus der heterogenen IT-Systemlandschaft. Der Kongress habe tolle Beispiele gezeigt für die Verwendung der vorhandenen Daten, die bislang in Krankenhäusern schlummern.
Müller weiter: „DMI stellt sicher, dass ein CDR-Konstrukt mit allen hier präsentierten Komponenten in der Cloud rechtssicher betrieben werden kann. Das bringt den Krankenhäusern Entlastung bei der Infrastruktur und beim Wartungs-/Personalaufwand.“ Die Mission XQT für Datensouveränität mit ihrem Partnernetzwerk ermögliche die Nutzung wertvoller Applikationen in diesem Ökosystem.
Positives Feedback erhielten die Macher des CDR-Kongresses zum Programm und zu den praxisorientierten Vorträgen und Demos. Sie denken bereits über die Folgeveranstaltung im kommenden Jahr nach.
Annett Müller, DMI: CDRs lassen sich auch mit papierbasierten / digitalisierten und durch Metadaten ergänzten Dokumenten sowie durch strukturierte Daten auf Basis von unstrukturierten Freitexten speisen


